Liebe „Islamkritiker“
Liebe „Islamkritiker“,
es ist in den letzten Wochen so still um Sie geworden, so dass man sich berechtigte Sorgen um Sie macht. Keine neuen Bücher, keine Fernsehauftritte oder Gesellschaftspreise mehr. Was ist geschehen? Deutschland, Europa, ach gar die ganze Welt braucht Sie doch. Es werden weiterhin Moscheen gebaut und die Geburtenrate der muslimischen Frauen mag auch nicht sinken. Sie waren doch bis jetzt so erfolgreich. Im Europavergleich ist Deutschland laut einer Studie(Uni-Münster zu „Religion und Politik“) das Land mit dem intolerantesten Volk dem Islam gegenüber. Und das wohlgemerkt noch vor der Sarrazin-Debatte. Wo wir schon mal bei dem besagten Herrn sind, haben Sie ihm schon zu seinem erfolgreichen Buch, das mit 1,3 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufteste Sachbuch der Nachkriegsgeschichte wurde, gratuliert?
Also, wieso schweigen Sie? Schweigen Sie, weil sie sich mitschuldig fühlen an den 77 Opfern in Oslo, die dieses Jahr auf brutalste Weise von einem Mann hingerichtet wurden, der besessen war von der Vorstellung eines „reinen“ Europas, in denen Muslime nichts zu suchen haben? Oder schweigen Sie, weil sie wie viele andere geschockt sind, dass 9 Menschen von Rechtsextremisten auf offener Straße in Deutschland erschossen wurden? Oder schweigen Sie, weil Sie vom Rassismus, der in Berlin angetretenen rechten Parteien, überrascht wurden?
Ich bezweifle, dass Sie schweigen, weil Sie so etwas wie Reue und Mitschuld für die Geschehnisse in Oslo empfinden. Ich mache Sie auch keineswegs für diese Morde verantwortlich. Aber in diesem Stück spielen Sie definitiv keine Nebenrolle. Ich habe mich damals, als ich von den Ereignissen in Oslo erfahren habe, gefragt gehabt, ob Sie nicht enttäuscht waren, als sie hörten, es war doch kein „Islamist“. Die gebügelte Bluse und die Krawatte mussten an diesem Tag leider zuhause bleiben, denn man brauchte die Meinung eines „Islamexperten“ nicht.
Ich bezweifle, dass Sie geschockt und verwundert waren, als Sie über die „Döner-Morde“ erfuhren. Und wissen Sie, was mir durch den Kopf ging, als ich hörte, dass rechtsextremistische Terroristen über zehn Jahre hinweg Menschen in Deutschland aus rassistischen Motiven ermordeten und dabei unentdeckt bleiben konnten? Wieso bezeichnet man diese Opfer als „Döner-Opfer“? Diese Bezeichnung ist herabwürdigend und zeigt doch einmal mehr die rassistische Gesinnung, geprägt von Vorurteilen und Stereotypen. Es zeigt, dass diese Toten nicht zu Deutschland gehören. Sie sind die anderen, die Fremden. Wenn 9 Deutsche umgebracht werden, darunter ein Gemüsehändler, ein Schneider, ein Blumenhändler und ein Internetcafé-Betreiber, spricht man dann von den „Currywurst-Morden“? Ich glaube nicht. Diese symbolische Ausbürgerung ist nur ein Zeichen für die systematische Ausgrenzung der hier lebenden Muslime und Migranten. Es ist kein Phänomen, das sich nur am rechten Rand findet. Nein, es ist tief verwurzelt in der Mitte unserer Gesellschaft. Das, liebe „Islamkritiker“, ist natürlich Ihr Verdienst.
Die Feiertage stehen vor der Tür – nutzen Sie die Zeit, legen Sie den Wikipedia-Eintrag zum Stichwort: „Islam“ zur Seite, die Bild vom Tisch und wünschen Sie sich doch zu Weihnachten einfach mal folgendes: Selbstkritik! In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen frohe und besinnliche (!!) Feiertage.
Kommentare
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sehr schön und treffend!
Spricht einem aus der Seele! BRAVO
Subhanallah, du sprichst auch aus meiner seele!! DANKE!
Super Beitrag, wäre auch sehr interessant zu wissen wer der oder die Verfasser/ in ist
Ein sehr gelungener Artikel, der hoffentlich ganz viele Menschen ( wenn es sie hoffentlich erreichen sollte) zum Nachdenken anregt.
Großes Lob an den/die Verfasser/in!