Noch (k)ein Thema der Islamkonferenz?
Gehört der Islam zu Deutschland? Dürfen Muslime auf offener Straße den Koran verteilen? Wie bedrohlich sind die Muslime? Im Vorfeld der jährlich stattfindenden Islamkonferenz häufen sich diese und ähnliche Fragen. Doch niemand stellt die wichtigste aller Fragen: Welchen Sinn hat eigentlich noch die Islamkonferenz?
Seit 2006, als der ehemalige Innenminister Wolfgang Schäuble die Deutsche Islamkonferenz einberufen hat, treffen sich Jahr für Jahr staatliche Vertreter und Vertreter aus muslimischen Verbänden sowie Einzelpersonen und diskutieren miteinander. Ziel der ganzen Veranstaltung sei es, Muslimen verständlich zu machen, dass sie in Deutschland willkommen sind, so der Initiator Wolfgang Schäuble.[1] Dieses Ziel aber scheinen die Nachfolger von Herrn Schäuble, die die Islamkonferenz weiterführten, nicht ganz verstanden zu haben. Als Innenminister de Maiziere die Islamkonferenz übernimmt, schließt er als erstes den Moscheeverband Milli Görüs samt Islamrat aus dem Dialog aus. Dass Milli Görüs Hunderttausende von Muslimen in Deutschland vertritt, interessierte dabei anscheinend wenig. Außerdem haben die Ermittlungen ergeben, dass der Verband zu Unrecht verdächtigt wurde, was angeblich der Grund für den Rauswurf gewesen war.
Einen drauf setzte der heutige Innenminister Friedrich, der gleich zu Amtsantritt dem o.g. Ziel widersprach, indem er behauptete, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Seine Zugehörigkeit sei aus der Historie nicht zu belegen. Dem entgegen zu bringen ist die Tatsache, dass Historie nicht unbedingt bis in das Mittelalter oder weiter in die Antike reichen muss. Die Welt entwickelt sich heute im Zuge der Globalisierung und Technologie so schnell, dass alles, was gestern gewesen ist, schon als Geschichte betrachtet werden kann. Somit kann dem Islam, der zweitgrößten Religion in Deutschland und der Welt, seine Zugehörigkeit allein aufgrund der historischen Betrachtung nicht entzogen werden.
Dennoch sagte neulich wieder der Unionsfraktionschef Volker Kauder gegenüber der „Passauer Neuen Presse“: „Der Islam ist nicht Teil unserer Tradition und Identität in Deutschland und gehört somit nicht zu Deutschland“. Wie auch viele andere Spalter führt Volker Kauder noch an, dass Muslime sehr wohl zu Deutschland gehören, ihre Religion aber nicht. Völlig ausgeblendet wird dabei, dass Muslime gerade durch den Islam definiert werden. Der Islam macht sie erst zu Muslimen. Genau wie die Kunst den Künstler zu dem macht, was er ist. Oder würde der Chef eines Ateliers seinem neu eingestellten Künstler sagen, dass er bei ihm willkommen ist, seine Kunst aber solle schön draußen bleiben?! Wenn Politiker solche Aussagen treffen, muss man natürlich immer auch nach dem politischen Hintergrund fragen. Fakt ist, dass Kauder gerade von der konservativen CSU im Hinblick auf das Betreuungsgeld-Projekt in Frage gestellt wird. Da passt es sehr gut, in einer CSU-nahen Zeitung Aussagen zu tätigen, die das Verhältnis zu ihrer islamkritischen Strömung wiedergutmachen. Dass er damit Millionen von Bürgern abwertet und ausgrenzt, nimmt er wohl gerne in Kauf.
Interessant ist, dass Kauder’s Aussage “zufälligerweise” unmittelbar vor dem Stattfinden der Islamkonferenz fällt und damit die Debatte in den Medien aufs Neue entfacht. Ein anderer “Zufall”, der sich kurz vor Beginn der Islamkonferenz ereignet, ist die Verteilung des Korans von Salafisten auf den Straßen Deutschlands. Dieses Geschehen wird sofort als Vorwand genommen, um die Themen Islamismus oder Einfluss islamistischer Gruppen auf Jugendliche an die Tagesordnung zu bringen. Doch das Hauptthema war in diesem Jahr die Geschlechtergerechtigkeit. Friedrich empfand es als notwendig, den Muslimen zu erklären, dass Zwangsheirat und häusliche Gewalt nichts mit dem Islam zu tun hätten: „Zwangsheirat und häusliche Gewalt haben keine religiösen Begründungen, sondern sind das Resultat überkommener, patriarchalischer Strukturen.“ Danke, Herr Friedrich, für diese tolle Erkenntnis! Aber warum um alles in der Welt ist dieses Thema dann ein Teil der ISLAM-Konferenz?
Eine “Islamkonferenz” – in der ihr Gastgeber entgegen dem geforderten Ziel alles dagegen tut, damit die Muslime sich nicht willkommen fühlen; in der wichtige Teilnehmer nach Belieben aussortiert werden können, sog. Islamkritiker wie Necla Kelek aber mitdiskutieren dürfen; und in der Themen gewählt werden, die mit dem Islam und den Muslimen, um die es gehen sollte, nichts zu tun haben – hat genauso wenig Sinn wie ein Ingenieurbüro ohne Ingenieure.
[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/muslime-in-deutschland-schaeuble-verteidigt-islamkonferenz-1784539.html
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