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Leben wir im Zeitalter der Post-Aufklärung? Die Rückkehr der Unmündigkeit

Jasmin Mazraani

 

Als einer der bedeutendsten Errungenschaften des Abendlandes ist der Sieg der Vernunft und der Wissenschaft über andere vorgeschriebene Denksysteme, wie Religion, Magie und Traditionen. Mit dieser Errungenschaft fing das Zeitalter der Aufklärung an. Immanuel Kant beschreibt die Aufklärung wie folgt:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant 1784:481)

Und in der Tat war der Westen ab dem 18. Jahrhundert im starken gesellschaftlichen Umbruch und erlangte und definierte viele Rechte, Denkweisen usw. Die Kirche und die Religion erlebten indes herbe Rückschläge, sie wurden entmachtet und erfuhren viel Auflehnung.

Das Aufkommen des Geistes des Kapitalismus, der, nach dem Vater der Soziologie Max Weber, aus dem Protestantismus entsprang, führte die Menschen ebenfalls zu einer „Entzauberung der Welt“, wie er es nennt.  Eine Entzauberung von magischen und transzendenten Mitteln auf der Heilssuche. Ermutigt wurde der entzauberte Mensch von dem Protestantismus oder genauer des Calvinismus‘, der auf individuellen und bewussten Gottesdienst setzte und den Beruf als Verherrlichung Gottes ansah. Der daraus entstandene Geist des Kapitalismus brachte eine Ethik und Lebensordnung hervor, die auf dem Prinzip des Utilitarismus gründete und den Erwerb von Geld als höchsten Zweck ansah.

Das Zeitalter der Aufklärung brachte herausragende Denker hervor. Besonders in Deutschland fanden sich Pioniere vor allem in den Geisteswissenschaften, wie Max Weber, Immanuel Kant, Sigmund Freud, Karl Marx, Georg Simmel, Hannah Arendt und weitere, die allesamt revolutionäres Gedankengut hervorbrachten. Und diese sollten die Menschen aufwecken und sie tätig machen, aus ihrem eigenen Antrieb heraus. Und es passierte tatsächlich, ein Hervortreten aus einer starren Unmündigkeit, ein Bewusstsein über den eigenen Umstand und über die Kraft, es zu ändern, durch Wissen und Gebrauch des Verstandes, und somit hat sich der Westen vor anderen Kulturen und Gesellschaften hervorgehoben.

Und wo stehen wir heute nun? Was antwortet heute das Abendland auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ Heute im Zeitalter der modernsten Technologien, der Menge an Informationen und der feinsten Kommunikationsmittel, um diese Informationen zu erlangen, zu filtern und zu beurteilen; heute, nach dem unsere Gesellschaft von diesen Pionieren der Geisteswissenschaften erzogen wurde, sich die freiheitlichen Rechte zu eigen machte? Sind die Abendländer wirklich aus dem Unvermögen raus, sich ihres Verstandes ohne Leitung zu bedienen, wie Kant gebot? Ist die westliche Moderne wirklich der Höhepunkt menschlicher Zivilisation?

Betrachtet man die derzeitige Islam-Debatte, vor allem in Deutschland, so sind die Ansichten darin im Lichte der vorherigen Fragen sehr kritisch zu betrachten.

Der CDU Politiker Hans Jürgen Irmer schrieb im Wetzlarer Kurier einen Artikel über den Islam in Deutschland. Er schrieb: „Wenn man darüber hinaus über den Islam in Deutschland spricht, fallen einen Begriffe wie Ehrenmorde, Zwangsehe, Rolle der Frau, genitale Verstümmlung, teilweise fehlender Respekt vor staatlichen Institutionen ein und man kann es ergänzen durch fehlende Religionsfreiheit in islamischen Ländern, durch fehlende Meinungsfreiheit, durch Christenverfolgung ebenfalls in allen islamischen Ländern.“

Genau genommen, stellt Herr Irmer eine Wirklichkeit über das Islam-Verständnis in Deutschland dar. Die Einführung von islamischen Feiertagen im Bundesland Hamburg bspw. wurde in der Bevölkerung weniger als eine Annäherung von Menschen verschiedener Weltansichten, als eine Kulturbereicherung betrachtet, sondern die Kommentare zu einem Bericht über dieses Thema prognostizierten ein unheilvolles Bild für Deutschland, in denen das Grundgesetz für die Sharia Platz machen soll, die Frauen verschleiert rumlaufen, Steinigungen, Ehrenmorde, Terroranschläge passieren, und die ganze Palette, die man immer wieder hört. Noch nicht mal die Verfolgung der Muslime in Burma/Myanmar hat das Herz der Menschen erweicht, so las man, dass überall wo Muslime sind, es Leid und Krieg gäbe.

Dass jedoch auch auf politischer Ebene mit solchen Argumenten über den Islam und die Muslime debattiert wird, ist eine wundersame Sache. So sieht man in politischen Talkshows immer wieder, dass dem Islam vor allem auf institutioneller Ebene Einhalt geboten werden soll und langsam auch auf gesellschaftlicher Ebene, sieht man sich die hetzende Plakataktion des Bundesinnenministerium an, dass der Islam rückständig ist, dass er noch nicht in der Zeit der Aufklärung angekommen ist, und gar wird das Argument der Ehrenmorde, Zwangsehen gebracht, und weitere. Abgesehen davon, dass die Blütezeit der Wissenschaft und Philosophie in islamischen Ländern zu der dunkelsten Zeit Europas war, in dem die Europäer auf primitiver Weise auf Stelzen durch die Straßen liefen, um nicht in ihren eigenen Ausscheidungen zu versinken, sollte man sich davon frei machen, den Islam durch die gleiche Brille zu betrachten, durch die man das Christentum und seine Geschichte beschaut.

Was bezweckt man nun, wenn man in Diskussionen Argumente gegen den Islam vorbringt, die der Islam selber verurteilt? Ehrenmorde sind nach dem Islam eine Schändlichkeit und rechtswidrig, zumal die Tötung von Mädchen durch die vorislamischen Araber eine der Sitten war, die der Islam als erstes abschaffte. Des Weiteren sind Zwangsehen islamrechtlich nichtig, und auch jegliche Zwänge in der Religion sind durch den Qur’an verboten usw. Sind also diejenigen, die solche Argumente bringen und heutzutage immer noch solch ein Ansicht über den Islam hegen, Aufgeklärte nach dem Muster Kants? Ist es zulässig, dass solch ein falsches Bild im Lichte der verfügbaren Informationen, des menschlichen Verstandes, der wissenschaftlichen Erziehung und des Erbes von den Vätern der Aufklärung herrschen darf? Sind diese Menschen unmündig, den wahren Islam heraus zu finden und zu betrachten? Diese Menschen haben sich verleiten lassen von gefühlslosen Denksystemen, die ihren Verstand starr werden ließen und haben den Leuten ihr falsches Urteil indoktriniert. Und dieses Verleitenlassen ist selbstverschuldet. Immanuel Kant würde uns heute wahrscheinlich alles andere als aufgeklärt bezeichnen, und Max Webers Prognose über dieses stahlharte Gehäuse, das durch den Geist des Kapitalismus aufgebaut wurde, wird scheinbar wahr, als er sagte: „Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber – wenn keins von beiden – mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich-wichtig-nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die „letzten Menschen“ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“ (Weber 1920: 204)

Die Leute sind heutzutage entschlossen und mutig, jedoch sind sie es, weil sie ihren Verstand durch die Leitung eines anderen leiten lassen. Über den Islam, die Muslime und sonstigen anderen Minderheiten mit geistlosesten Vorurteilen und Unwissen zu diskutieren, gilt als Indikator für die Unmündigkeit, die Rückständigkeit und Geistesarmut einer Gesellschaft.

So sei angeraten: „Hab Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

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Quellen und Anmerkungen: Kant, Immanuel (1784): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift. S. 481–494.
Weber, Max (1920): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). S. 94-541.
Link zum Vortrag von die-Linke Politikerin Janine Wissler über den Artikel von Hans-Jürgen Irmer: http://www.youtube.com/watch?v=pc4iW7XM5lM&feature=related

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