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Mentale Brücken schlagen

Ein Bewusstsein für die eigenen Grenzen zu entwickeln, diese zu erkennen und sie dann zu erweitern, ist nicht gerade einfach. Im jugendlichen Übermut denkt man oft, dass man niemals irren könne, die eigene Meinung immer auf fundierten Recherchen und Überlegungen basiert und von diesem Gedanken wollte man auch kaum abrücken. Aber natürlich war das nur ein Trugschluss, ich schätze das ist eine Entwicklung, die wir alle in unserer Jugend durchmachen müssen. Und wie lauten Senecas Worte doch gleich? „Errare humanum est, sed in errare perseverare diabolicum.“ (Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch.). Irren mag menschlich sein, aber es sich einzugestehen grenzt manchmal fast an eine Herkulesaufgabe. Nehmen wir diese Aussage jedoch in unser Gedankengut auf, verändert sich plötzlich die potentielle Wahrnehmung unserer Umgebung und unser Selbst. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“; das wohlbekannte Zitat von Sokrates initiierte eine neue Ära meines Denkens. Der Schleier der Nacht fiel von meinen Gedanken und ich erkannte, dass ich trotz sehender Augen blind war. Mein Verstand vermochte in der Lage zu sein zu denken, doch lebte ich in völliger Wirrnis.

Ich ließ meine Maske der Überzeugung fallen, die lediglich das Produkt eines verzweifelten Fluchtversuch aus einem illusionären Schutzwall war. Seiner Aufgabe, mich vor jeglichem Schaden zu bewahren, konnte er doch niemals gerecht. Ich fürchtete mich mir selbst einzugestehen, Fehler zu machen, wie meine Umwelt auf meine Fehlbarkeit reagieren könnte und ich schauderte bei dem Gedanken die Menschen mit einem irrenden Geist zu enttäuschen. Statt mich also hinter dieser Wand zu verstecken, habe ich mich tatsächlich selbst eingesperrt und merkte nicht, wie sehr mein Geist sich danach sehnte, dem Gefängnis der Furcht zu entfliehen und endlich die Freiheit zu genießen.

Oh süße Freiheit der Erkenntnis, wie unvorbereitet traf mich doch die Leichtigkeit des Seins in jenem Moment als ich mir selbst meine Imperfektion und Fehlbarkeit eingestand. Sich dessen bewusst zu sein, dass man nicht nur nicht alles wissen muss, nein, sogar nicht alles wissen kann, erhebt dich auf eine neue Bewusstseinsebene, die es dir erlaubt zu wachsen und ein besseres Verständnis für diese unsere Welt aufzubringen. Jeden Tag darf ich etwas Neues lernen, mein Wissen mehren und meinen Geist erweitern. Und welche Fülle an Wissen uns doch bereits gegeben ist und uns noch erwartet.

Nicht nur dir Philosophie verhalf mir dazu, mein Denken zu erweitern, auch die Theologie spielte eine nicht unwesentliche Rolle. Der Hymnus an die Weisheit hat mich wohl an meisten gefesselt. „Alle, die an ihr fest halten, finden das Leben“ heißt es dort und ich glaube, dass ich eine annährend kongruente Erfahrung erleben durfte. Die Weisheit ist eine wunderschöne Gabe Gottes und eines der größten Geschenke, das er uns zu unserem Leben machen konnte. Aber natürlich hat niemand die Weisheit mit Löffeln gegessen und so machte ich mir meine Umgebung zu nutze. Unzählige Menschen haben meinen Lebensweg gekreuzt, einige haben mich ein Stück begleitet und andere sind noch immer an meiner Seite. Durch jeden durfte ich etwas lernen, sei es neues Wissen, neue Sichtweisen oder einfach nur die Tatsache, dass sich mein Denken jeder Zeit ändern kann. Demut ist hierbei wohl das signifikanteste Schlagwort. Ich habe vor allem Demut gelernt und versuche mit ihr meinen Hochmut und meine Arroganz zu bekämpfen, um sie eines Tages, so Gott will, für immer aus meinem Denken verbannt zu haben.

Man könnte meinen, dass man, wenn man diesen Weg zurückgelegt hat, doch endlich auf der sicheren Seite wäre, aber natürlich ist es nicht so simpel. Die Wahrscheinlichkeit sich seiner Sache endlos sicher zu sein und die Gefahr, in einen Trott zu verfallen, in dem man schnell wieder in alte Muster zurück verfällt, ist enorm hoch. Erst vor kurzem ist mir diese Misere an meinem Gesprächspartner aufgefallen, dessen Verhalten wie ein Spiegel für mich war, den er mir vorgehalten hat um mir meine eigene Fehlbarkeit noch einmal vor Augen zu halten. Der schleichende Prozess der Selbstverherrlichung hatte in meinen Gedanken ganze Arbeit geleistet und hätte es beinahe geschafft mich zurück in eine illusionäre Weltwahrnehmung zu stürzen, in der der Hochmut sich als Demut verkleidet und jene Bescheidenheit mimt, die der Demut von Natur aus gegeben ist. Damit möchte ich nicht sagen, dass mein Gesprächspartner Unrecht hatte mit dem was er gesagt hat, nein, mitnichten. Mein Anliegen ist ein anderes. Dieses Gespräch war für mich dermaßen anregend, denn ich hatte einen Menschen vor mir, der mir kaum gegensätzlicher hätte sein können und dennoch trafen sich unsere Gedanken in vielen Punkten. Ich hatte es bis dato für nicht möglich gehalten, dass ich mit einem Menschen, der für mich auf so viele Arten fremd ist, solch ein Gespräch führen und mich nicht nur durch neues Wissen bereichern könnte, sondern auch noch durch neue Gesichtspunkte, die ich ohne diese Begegnung nie im Leben berücksichtigt hätte. Es mag nichts an meiner eigenen Meinung ändern, jedoch an meiner Denkweise und meinem Verständnis!

Was soll diese Offenbarung nun eigentlich? Eine gute Frage und eine wirkliche Antwort vermag ich nicht geben zu können. Man sagte mir einst „Wenn du schreiben willst, dann schreib über etwas, das du weißt“, nun, ich weiß, dass dies ein einprägsames Erlebnis war und ich die daraus gewonnenen Erkenntnis gerne teilen möchte. Natürlich handelt es sich hier um meine Interpretation des Geschehens, doch genau darauf möchte ich hinaus. In einer Diskussion, oder besser gesagt, in einem Gespräch sollte es nicht primär darum gehen, den Gesprächspartner von der eigenen Meinung zu überzeugen und ihn vielleicht gar dazu zu bewegen die eigene Meinung zu revidieren. Es geht darum Perspektiven zu gewinnen, den eigenen Geist zu öffnen und ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Eine mentale Brücke zum Innenleben meines Gegenübers zu schlagen und diesen zu verstehen. Dazu muss man dem Gegenüber aber auch zuhören und nicht direkt schon das Gegenargument im Kopf vorbereiten! Unsere Meinungen sind immer Interpretationen unseres Wissens, und unsere Interpretationen sind immer bedingt durch unsere Erfahrungen. Somit kann eine Meinung nicht wirklich falsch sein, falsch wäre es nur sich der Meinung eines anderen zu verschließen. Statt die Gedanken des anderen auszugrenzen, einfach mal mit den eigenen Gedanken vereinen. Das Ergebnis könnte Wellen schlagen, die über den Rand unseres Gedankenuniversums schlagen und uns vielleicht einen Weg in eine völlig neue Welt eröffnen. Diversität ist ein Segen und keine Bürde, die wir tragen müssen.