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Wenn Paris Alltag ist – Ein Angriff auf das unbeschwerte Leben

Paris, die Stadt der Liebe, der Freiheit, der Unabhängigkeit. Paris, der Inbegriff der Revolution, des Auflehnens des Proletariats und des Aufbegehrens gegen die unterdrückenden Herrscher. Doch dieses Jahr wird die Millionenmetropole an der Seine zum zweiten Mal trauriger Schauplatz und Konzentrationspunkt zweier anderer Liebhaber: der des islamistischen Terrors und des fremdenfeindlichen Hasses.

Gleich zu Beginn des Jahres, im Januar 2015 erfährt die französische Hauptstadt einen feigen Angriff auf den Verleger des Satiremagazins Charlie Hebdo sowie auf einen jüdischen Einkaufsmarkt. In beiden Fällen sind es Muslime, die zu Helden des Geschehens werden, weil sie bereit sind ihr Leben für das Wohl ihrer Mitmenschen zu opfern. Einer von ihnen, der Polizist Ahmed Merabet, verliert seines sogar im direkten Kampf gegen die Terroristen.

Und dennoch, kurz darauf brennen Moscheen und das Land erfährt einen deutlichen Anstieg an antimuslimischem Rassismus, der sogar über die Grenzen Frankreichs hinweg in die Nachbarstaaten ausartet. Überall in Europa fühlen sich die Islamkritiker in ihren Thesen bestätigt und wissen, damit ihr Publikum aufzuwiegeln. So werden auch in den Niederlanden, Österreich, Schweiz und auch in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte, muslimische Gebets- und Gemeindezentren und darüber hinaus in Großbritannien und Schweden sogar Einzelpersonen wieder zur Zielscheibe des Hasses der vermeintlichen Verfechter des Abendlandes und seiner Werte.

Und kaum scheint ein leichter Rückgang des latenten Rassismus deutlich zu werden, gerät die Stadt Paris nun wieder ins Visier der anderen Seite. Kurz nach dem Anschlag vom Freitag, den 13. November bekennt sich „Daesh“* zu der Tat und gibt vor, dass die Attentäter „ihre Brüder im Nahen Osten rächen“ wollten. Gleichzeitig sprechen die Medien von einem Angriff auf das „freie, westliche Leben“. Dabei trifft der Anschlag eher das nahezu unbeschwerte, westliche Leben, und das mitten ins Herz.

In Unbeschwertheit leben zu können ist ein hohes Gut. Eines, für das Europa viel aufgeben musste. Nach langen Jahren des Krieges und der Konflikte mussten alle über ihren Schatten springen und sich gegenseitig die Hand zur Versöhnung, zur Kooperation und damit zum Vertrauen reichen. Heute trägt die Europäische Union den Titel Friedensnobelpreisträger, weil das Bündnis es geschafft hat einen kriegsgebeuteten Kontinent langfristig zu befrieden.

Mit dem Frieden geht der Luxus des unbeschwerten Lebens einher. Die große Mehrheit der heutigen hiesigen Bevölkerung hat noch nie einen gewaltvollen Krieg und dessen direkte Auswirkungen erleben müssen. Die wirtschaftliche Kooperation bringt Interdependenz und gleichzeitig Wachstum, Stärke und Wohlstand mit sich und in dem grundlegenden Wohlfahrtssystem scheinen alle Grundbedürfnisse der Menschen erfüllt. Zudem besteht kaum ein direkt spürbarer Einfluss von anderen Krisen weltweit.

Und doch plagt die Menschen ihre Angst. Ihre Angst vor dem Zerfall dieses labilen Zustandes der (finanziellen) Absicherung, ihre Angst vor Feinden dieses Lebensstils sowie ihre Angst vor dem Ungewissen und der Aufhebung dieses nahezu unbekümmerten Zustandes.

Und urplötzlich wird es ernst. Diesmal gilt der Übergriff jedoch nicht etwa den grundlegenden Freiheiten und Menschenrechten, und auch nicht einer kleinen Gruppe von Menschen innerhalb der Bevölkerung. Diesmal gilt er jedem einzelnen Pariser, jedem einzelnen Franzosen, jedem einzelnen Europäer. Er gilt dem Leib und Leben, der Integrität aller dieser Menschen, und dieses Mal bekommen wir ernsthaft Angst.

Die Horrorszenarien der Kritiker scheinen wahr zu werden und ihre Initiatoren strotzen vor Bestätigung ihrer Thesen: der Islam sei schuld! Die Muslime seien schuld! Die Fremden seien schuld! Und sogleich wenden sich einzelne ihrer Anhänger gegen den Islam, die Muslime und die Geflüchteten, ohne ein einziges Mal zu hinterfragen, wieso diese Menschen hier sind.

Für die meisten dieser Menschen sind Anschläge, wie nun in Paris trauriger Alltag in den Ländern, wo sie herkommen oder verwurzelt sind. Die Geschehnisse in Frankreich sind nur ein Bruchteil von dem, was die Menschen in Damaskus, Aleppo, Bagdad, Bahrain, Beirut, Tripolis, Sanaa, Kabul, Karachi und anderswo alltäglich erleben und fürchten müssen. Dabei waren die Städte seit Jahrhunderten Orte des Wissens, der Bildung, des Austauschs, der Forschung, der Entwicklung, des freien Denkens, des Infragestellens, des Aufbegehrens, des Widerstandes, des tapferen Kampfes. Und heute sind sie der traurige Inbegriff einer irreversiblen Verwüstung und Zerstörung. Die einen wurden Opfer der Angriffe der Islamisten, die anderen zu Opfern militärischer Interventionen der Großmächte, und manch trauriger Fall sogar zum Spielball beider.

Die Bewohner dieser Orte, die ihr Leben schützend nach Europa flüchten, wurden durch diese Attentäter aus ihrem (unbeschwerten) Leben gerissen. Nein, sie flüchten nicht, weil sie habgierig sind und das Geld der Europäer haben wollen. Sie flüchten nicht, weil sie in der neuen Heimat das Vorrecht über die dort lebende Bevölkerung an sich reißen wollen. Und ebenso wenig flüchten sie, weil sie feige sind.

Aber die Attentäter sind habgierig, nehmen sich jegliches Vorrecht über andere, und beweisen nicht zuletzt ihre Feigheit. Denn sie handeln nach eigenen zumeist wirtschaftlichen Interessen, sie zwingen anderen ihren Willen auf und sie agieren dabei immerzu aus dem Hinterhalt. Und hätte man als Großmacht diesem Wirken wirklich Einhalt gebieten wollen, hätte man schon längst Lösungen für das Problem des internationalen Terrors gefunden, und selber keinen initiieren brauchen.

Lösung ist es nicht nun noch mehr Bomben in die Zerstörung und Verwüstung der vielen Städte fallen zu lassen. Lösung ist es auch nicht zum Zweck der Vergeltung und der Beschwichtigung der eigenen Leute noch die übrigen Leben in den Tod zu reißen. Und ebenso wenig ist es eine Lösung wegzuschauen oder die Augen vor dem Elend zu verschließen.

Es ist an der Zeit, dass die großen Mächte, und darunter die europäischen Staaten, sich ihre Fehler eingestehen, neue Wege zur Vermittlung und Versöhnung in der Welt erarbeiten und die regionalen Kooperationen fördern. Europa selbst hat als bestes Beispiel gezeigt, dass es keine Sache der Unmöglichkeit ist. Und erst, wenn wir als Europäer dieser unserer Verantwortung gerecht werden, haben wir unsere Pflicht erfüllt anderen ein nahezu unbeschwertes Leben zu gewähren und das Recht erarbeitet, selbst ein solches ohne Gewissensbisse zu leben.

Es ist Zeit für eine neue Revolution, Paris!

*Der Begriff „Daesh“  wird an dieser Stelle statt der Selbstbezeichnung der Terroristen als „Islamischer Staat“ verwendet, weil sich diese Bewegung weder islamkonform benimmt, noch das von ihr unterworfene Gebiet als ein Staat anerkannt werden kann.

*Foto: Anja Niedringhaus/AP, Dschabaliya, Gazastreifen, Januar 2009