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Deportation

Der iranische Soziologe Dr. Ali Schariati erkannte, dass in der Geschichte die Migration fast immer den Effekt hatte, dass sich die wandernden Völker zivilisierten. Wann immer Menschen auswanderten, haben sie also eine höhere Stufe der Zivilisation erreicht. Weg von den harten Bedingungen ihrer Umgebung, hin zur Hoffnung und der Neugestaltung ihres Lebens und ihres Geschicks.

Auch viele türkische Gastarbeiter in Deutschland erhofften sich damals ein besseres Leben als in der Türkei. Die damaligen Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten wie der Ostblock, Libanon etc. flohen vor den unerbittlichen Bedingungen des Krieges, vor der Hoffnungslosigkeit, der Perspektivlosigkeit, vor dem Unfrieden, hin zur Hoffnung und einer Perspektive des Friedens. Sie flohen für ein besseres Leben, denn jeder Mensch begehrt ein gutes Leben, auch jener, der bereits eins hat.

Heute fliehen wieder Menschen vor einem abscheulichen Leben hin zu einem besseren. Sie haben Hoffnung, und deswegen fliehen sie. Aber ihre Hoffnung muss enden vor der Grenze des besseren Lebens. Auf dem Weg in das zivilisierte Europa werden sie angehalten, von Kriegsschiffen der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO) umzingelt, von Grenzwächtern zurückgestoßen in ihre Hoffnungslosigkeit, in das Meer der Verzweiflung, in die Abscheulichkeit. Ihr Weg aus dem Krieg nach Europa ist illegal, genauso wie es ihr Dasein in Europa ist.

Angehalten. Wieder gibt es in Europa Deportationen von Menschen, deren Dasein für illegal befunden wird, damit das Leben des vermeintlichen Urvolks nicht bedrängt wird. Deportiert in die Hoffnungs- und in die Perspektivlosigkeit. Deportiert an einen Ort, der alles andere als Sicherheit und Freiheit verspricht. Deportiert, um schließlich als Menschen zu gelten, denen es nicht gegönnt ist, Träume und Wünsche zu haben.

Deportiert von jenen, die die illusionäre Vorstellung haben, ihre Art zu leben, werde durch die Anwesenheit von geflüchteten Menschen gefährdet. Deportiert von Menschen, die die Angst gelähmt hat, kreativ und menschenwürdig zu denken. Diese Menschen halten von ihrer Überzeugung scheinbar so wenig, dass sie sie durch die Anwesenheit der ‚Fremden‘ bedroht sehen. Sie befürchten, dass die Fremden die Mehrheit werden, und sie nur die Minderheit. Sie haben zu Recht Angst. Sei es aus Sicht des Karmas, Schicksals oder der Kausalität – wer seine Minderheit schlecht behandelt, sollte wirklich fürchten, irgendwann als Minderheit zu gelten.

Und ist nun die Flüchtlingsfrage geklärt, nachdem kaum mehr Flüchtlinge nach Deutschland flüchten können? Laut dem Innenminister müssten wir die harten Bilder aus Idomeni aushalten. Ein Ort, an dem die Flüchtlinge in die Türkei deportiert werden. Tatsächlich sagt ein Volksrepräsentant, dass wir, die deutschen Bürger, den Anblick des Leides jener kriegstraumatisierten Menschen aushalten sollen. Was für ein Zynismus. Aber es zeigt unsere momentane und auch damalige Haltung. Wir wissen insgeheim, dass es falsch ist, aber wir halten es aus. Es steht schließlich unsere Art zu leben auf dem Spiel, meinen wir. Bedroht von dem Leid jener Menschen, die nur die Art des Überlebens fürchten.

Man flieht vor dem Rauch und stürzt in die Flamme. (Sprichwort)

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