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Wir geben uns (ge)schlagend! – Gewalt als Akt der Kapitulation

Wir kapitulieren, wir können sie nicht tragen. Wir haben kein Vertrauen mehr darauf, dass unsere Kultur das gewaltlos überstehen kann. Wir trauen ihr nicht zu, zu bestehen, wenn andere neben ihr stehen; wenn das Andere so fremd ist, so ist sie so schwach. Durch die bloße Existenz des Anderen, ist sie bedroht. Sie vergeht im sengenden Licht des Fremden.

Aber vielleicht ist das auch gut so. Eine Kultur, eine Überzeugung, ein Ziel, das nicht das Zeug dazu hat, beständig zu sein, wenn Winde aus dem Osten wehen. Ist ihr Schicksal dann nicht das Verwehen? Eine Überzeugung, die sich vom Verfall bedroht sieht, wenn Menschen anderer Überzeugung auf sie treffen. Wir haben kapituliert, wenn das bloße Fremde gering an der Zahl eine stärkere Umschlagskraft besitzt als die Kultur der Mehrheit; wenn wir das Leben anderer verletzen oder es gar nehmen, wegen der Angst, es könnte uns als erstes verletzen oder töten.

Warum haben wir kein Vertrauen gegenüber unserem Selbst, dass es das Andere überstehen könnte oder vielleicht auch sich positiv davon beeinflussen lässt? Aber sprechen wir nicht vom Einfluss, sondern von der schieren Existenz des Anderen. Was sagt es über uns aus, wenn wir offensiv eine stehende Moschee oder Synagoge beschädigen, ihre darin rein- und rauslaufenden Gläubigen beschießen, und rufen, sie sollen alle verschwinden? Was beschützen oder verteidigen wir, wenn wir religiös bedeckte Menschen verletzen, die gerade zur Arbeit gehen oder ihre Kinder zum Kindergarten bringen? Welches Bedürfnis wird in uns befriedigt, wenn wir im Zug beim Anblick Dunkelhäutiger und Schwarzhaariger lauthals rufen, dass es hier so etwas früher nicht gegeben hätte? Wir halten unsere Taschen nah an unserem Körper, wenn sich ein „Anderer“ neben uns setzt, würdigen ihn nicht mal eines Blickes. Den Mehraufwand beklagen wir, wenn der geschundene Andere Zuflucht sucht, wir beklagen das zu wenige Geld, ohne dabei zu beachten, dass unsere Wirtschaft im Aufschwung ist. Wir klagen den Staat nicht für die ungerechte Verteilung der Gelder an, sondern für die Aufnahme von Hilfesuchenden. Dass ein Link zwischen angenommenen wenigen Geld und dem Anderen geschaffen wird, wird dann sogar von der Politik mitgetragen, während sie die Gelder verteilt. Es werden politische Meinungsmacher gewählt, die den niederen Instinkt reizen, und zwar so stark, dass wir vergessen, dass wir es mit Liebe und Verstand auch anders bewältigen könnten. Wir lenken unsere Sorgen auf jene, die wir durch unsere Hand bewältigen könnten, weil sie gesellschaftlich schwächer sind, als wir.

Wir können unsere Kultur nicht hochhalten, weil wir damit beschäftigt sind, die Kultur anderer so zu degradieren und zu diffamieren. Wir können gegenwärtig nicht einfach unser Leben leben, ohne dabei paranoid an die von Ausländern übermannte Zukunft zu denken.

Wir resignieren, anstatt für das einzustehen, was uns ausmacht; statt so offen zu sein, auch das Gute in der Sache zu sehen, statt den Anderen einfach kennenzulernen. Wir schlagen, und machen so unserem Frust und der Unmut Luft. Wie schaffen es nicht, Deutsch zu sein, wir kapitulieren, und die Gewalt wird so alltäglich, dass sie in die Kultur Eingang zu finden scheint, zu stolz um die schlagende Hand in eine gebende zu wandeln.

Kein Mensch gleicht dem anderen, es ist menschlich, anders zu sein, aber wir können mit dieser menschlichen Tatsache nicht umgehen. Wir glauben lieber an unsere konstruierte Besonderheit, als an unsere faktische Vielfalt. Eine wirklich besorgte Bürgerin.

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