DIALOG.FÖRDERUNG.PARTIZIPATION.

Teil 2: Das Tagebuch der Abiturientin

Zeinab Ousseili

TEIL 2: MEIN ERSTER PATIENT

Die klirrende Schulklingel läutete endlich wieder das 21. Jahrhundert ein. Die Kriegsstimmen der Geschichtsreferate krächzten noch ihren letzten Ton. Dem grausamen Geschichtsskript verlieh der rote Textmarker noch einen letzten breiten Blutstreifen. Die Panzerluke des OH-Projektors verriegelte der letzten Folie das Licht. Der verdunkelte Kursraum leuchtete durchs Aufziehen der eisernen Vorhänge wieder auf. Erst zum Unterrichtschluss schufen uns die wiedergekehrten, warmen Himmelsstrahlen sonnige Sitzplätze. Doch das besprochene Bedürfnis Bülows nach einem ‚Platz an der Sonne‘ belehrte meine Geschichtsgenossen, schnell den sonnigen Sitzplatz zu verlassen und die Heimfahrt anzusteuern (wären wir an unseren Plätzen verweilt, hätte uns die fix und fertige Frau Lehrerin noch den ersten Kurskrieg verkündet).

Entlang der sehr späten Nachmittagssonne marschierte ich zu den Gleisen wie eine triumphierende Kriegerin (ich hatte zehn Schulstunden überlebt). Nach längerem Stehen an der Station war das Wunderwerk der industriellen Revolution noch immer nicht eingetroffen. Schließlich ist es eine lange Strecke von Britannien nach Germanien – so lässt sich zumindest die blöde Bahnverspätung historisch erklären. Meine geduldigen Glieder begannen infolge der schweren Schulrüstung zu schmerzen.

So gedacht ich, in dem Haltestellenhäuschen zu rasten. Dort weilte ein betagter Herr; seine  Verfassung vergleichbar mit der eines gefallenen Soldaten.  Er beäugte meine wie einen Schild tragenden Bücher: „Sie gehen bestimmt auf die Berufsschule dort drüben, dass Sie so spät noch Bücher tragen!“ Ich negierte seine Aussage. „Dann gehen Sie bestimmt zu der Hauptschule nebenan!“ Ebenso verneinte ich dies und stillte seine Neugier. „Wirklich? Sie gehen auf das Gymnasium? Sie wollen aber sicherlich nur das Fachabitur machen!“ Ich bejahte nicht. „Was wollen Sie denn mit einem Abitur?“ Ich atmete tief ein und holte dann weit aus. „Studieren? Und diesen Studiengang? Und so (überdehnt) lange? Und dann noch solch einen Beruf? Das ist doch viel zu schwer! Werden Sie doch Straßenbahnfahrerin!“ Ich schwieg, verfluchte die Bahn, ging in mich und fragte ihn nach seinem Beruf. Er war arbeitslos, er bog ab: „Sie sprechen aber wirklich ziemlich gutes Deutsch!“ Ich lenkte in die scharfe Kurve: „Danke! Ihr Deutsch ist aber auch ganz in Ordnung!“ Der gefallene Soldat fiel noch tiefer in den Sitz. Stilles Schweigen. „Sie sind doch aber keine Deutsche!“

An die Front zu gehen, gedachte ich dennoch nicht, sondern vielmehr dieses hässliche Haltestellenhäuschen zu einem Lazarett umzubauen. Der gefallene Soldat wurde mein erster Patient. „Ich bin Deutsche!“; so hieß die erste Erkenntnisspritze. Sie stach so tief ein, dass es wahnsinnig weh tat und er reflexartig aufsprang: „Nein, nein, Sie sind keine Deutsche! Das sehe ich doch! Schauen Sie mich an und (polemischer) schauen Sie sich an! So sieht keine Deutsche aus! (er ächzte) Ich habe einen deutschen Pass! Ich bin Deutscher! Ich bin hier geboren!“ Bei der Einstichkorrektur behielt ich den Pfad seiner Zunge bei: „Ich habe auch einen deutschen Pass. Ich bin auch Deutsche. Ich bin auch hier geboren.“

Ob die Eisenbahn auf ihrem Transit nach Germanien in der Nordsee unterging, sah ich nicht. Jedoch was ich sah, war ein durch seinen Schweiß Ertrinkender. Er rang nach Luft, er hob seine Hand: „Sehen Sie dieses Ziegelgebäude dort drüben? Das ist das katholische Krankenhaus! Da hat meine katholische Mutter mich geboren!“ Die letzte Spritze führte schließlich zu akuter Atemlähmung (mit der Dosierung war Frau Ärztin aber auch nicht gerade geizig). „Oh, diese Ziegel! (mit meiner Lachmuskulatur ringend) Wissen Sie, was in diesem katholischen Krankenhaus vor achtzehn Jahren am letzten Julitag geschah? Nein, natürlich nicht. Ich sag’s Ihnen! Das war der einzige Tag in meinem Leben, an dem meine nichtkatholische Mama lachte, während ich schrie! (die Translation von Doktor –zur Soldatensprache im Anschluss) Diese Ziegelsteine sind auch mein Geburtsort! Dort wurde ich auch geboren! Dort kam ich auch zur Welt! Zu einer schönen neuen Welt, die solche Bürger wie Sie trägt! (bei Shakespeare kurz innehaltend) Da sehen Sie’s! Sie und ich sind beide deutsch!“

Ich hatte nicht die Absicht, ihn an seinen ausgespukten Ziegelsteinen ersticken zu lassen, mit denen er zwar ziemlich zäh, doch dennoch vergeblich versuchte, eine Mauer zu errichten (liebe Leser, gerne dürft Ihr mir guten Gewissens Euren Glauben geben, zumal mich meine Mutter damals nicht Walther Ulbricht nannte! Evidenz: Siehe Kurzbiographie). Meine Absicht war wirklich nur, endlich wieder auf den Ziegelsteinen des beheimateten Treppenhauses hochzusteigen.

Das endliche Eintreffen der Bahn beendete die ambulante Behandlung des gefallenen Soldaten. Mein wie eine Lanzette gestreckter Finger steuerte nun die Hausklingel an –mit Erfolg. Nach der Kollision klirrte sie nur kurz. Das überfürsorgliche, beinahe bereits ohnmächtige Oberhaupt stand schon wie die Freiheitsstatur vor der Haustür. Die Fackel war mir nicht fremd. Es war mein –von den abertausend Anrufen in einer halben Verspätungsstunde– emporloderndes Mobiltelefon. Noch bevor wiedermal ein kalter Krieg ausbrauch ausfolge des –natürlich immer nur aus reinstem Versehen– vergessenen Sorgenabhörapparates (der NSA zuliebe und ich hoffe, den ganzen Abschnitt liest meine Mutter niemals), da ergriff ich das Wort: „Mama, leben wir heute wirklich im 21. Jahrhundert?“
 

 

 

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