DIALOG.FÖRDERUNG.PARTIZIPATION.

Sonne, Mond und Sterne

Inas El-Rachid

22An einem kalten Herbsttag ritt der Soldat auf seinem Ross, um eine Botschaft in die andere Stadt zu überbringen. Es schneite und ein eisiger Windstoß ließ ihm das Mark gefrieren. An seiner Seite hing sein Schwert und ein Helm umhüllte schützend sein Haupt. Ein roter Mantel schmiegte sich wärmend an seinen Körper. Er war dabei das Stadttor zu durchqueren: „Helft mir!“

Der Soldat erblickte einen hungernden Bettler im Schnee. Er fror und fand keine Zuflucht. Sodann hielt der Soldat, stieg ab von seinem Rosse und hob sein Schwert empor. Schnell teilte er seinen Mantel in zwei Hälften. Eine Hälfte behielt er und die andere übergab er dem Bettler.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte des Sankt Martin über Barmherzigkeit, Zivilcourage und Nächstenliebe? Oder zumindest so ähnlich. Die meisten verbinden damit vermutlich eher das Laternenfest aus Kinderzeiten. Hoffentlich drängen sich einigen Lesern nun wärmende Erinnerungen auf, wie sie Laterne haltend durch die Straßen ihrer Kindheit stolzierten und unbeschwert die Wanderung genossen.

Dieses Jahr wurde der 11. November aber nicht nur mit Kindheitserinnerungen oder der Geschichte des Sankt Martin in Verbindung gebracht, sondern von vermeintlichen Skandalmeldungen überschattet. Anlass dafür war die angebliche Umbenennung des Feiertages durch eine Kita in Hessen. Dort soll das Sankt-Martin-Fest in „Sonne, Mond und Sterne- Fest“ umgeändert worden sein – aus Rücksicht vor Muslimen. Obwohl die Leitung der Kindertagesstätte diese Aussage eindeutig dementierte und einen anderen Grund für die Umbenennung nannte, nutzten sogenannte „Islamkritiker“ schnell ihre Chance und griffen an.

Als erster Kämpfer an der Front: Die stets neutral berichtende, dem Islam aufgeschlossen gegenüberstehende und friedensfördernde Website PI (Politically Incorrect) – dort wird noch echter Qualitätsjournalismus geboten. Es folgten Welt, taz, BILD, FAZ und ZEIT. In dieser Debatte, die im Grunde keine ist, fielen Begriffe wie „Speichelleckerei“ und verwiesen auf eine „vorauseilende Unterwerfung“ der Deutschen vor dem Islam, der deutsche Traditionsfeste verfallen ließe und christliche Werte gefährde. So jedenfalls der Tenor.

Das Erstaunliche hieran ist aber, dass kein einziger muslimischer Vertreter je eine Umbenennung des Festes forderte, ganz im Gegenteil! Vertreter verschiedener muslimischer Verbände bestanden auf die Beibehaltung des Namens Sankt-Martin-Tag und hoben die Bedeutung des Heiligen Martin als Bindeglied der Religionen bzw. Kulturen in Deutschland hervor.

Der Sozialanthropologe Thomas Hauschild hält diese scheinheilige Debatte zu Recht für überflüssig, warnt aber vor der „hasserfüllt[en] und aggressiv[en]“ Reaktion, die er „erschreckend“ findet.

Zusammenfassend betrachtet, scheint es doch erstaunlich, dass eine eindeutige Fehlinformation über die angebliche Umbenennung christlicher Feiertage aus Rücksicht vor Muslimen, die nie gefordert wurde, für so viel Aufregung und Missstimmung sorgen kann.

Vermutlich füllen der Krieg in Syrien – über 115 000 Tote und Millionen Flüchtlinge – und eine Naturkatastrophe auf den Philippinen – rund 12 Millionen Betroffene – nicht mehr die Schlagzeilen, sodass man auf das alt bewährte Hausmittel zum Aufstacheln der Öffentlichkeit zurückgreifen musste: Die schleichende Islamisierung, die Deutschland gefährdet, zunehmend deutsche Traditionen angreift und christliche Werte auszumerzen droht.

Bleibt uns nur zu hoffen, dass dieselbe „Diskussion“ nicht zu Weihnachten wieder entflammt und das Eis für Islamkritiker zum Schmelzen bringt, indem sie sich über „Weihnachtsmärkte“ den Kopf zerbrechen, die „Wintermarkt“ genannt werden sollen.

 

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