DIALOG.FÖRDERUNG.PARTIZIPATION.

Sprechen Sie denn meine Sprache?

Manch einer begegnet im Alltag einer ganz grundlegenden Frage: „Sprechen Sie denn Deutsch?“, heißt es manches Mal bei der ersten Begegnung zwischen zwei Menschen. Oder aber es geschieht, dass die eine Person langsam, laut und deutlich artikuliert, damit das Gegenüber ja mitkomme.

Da fragt sich manch ein Angesprochener, wie dieser Umgang mit seiner Person aufzufassen sei. Wird man diskriminiert, indem man direkt auf sein ‚Fremd‘-aussehen verwiesen wird oder indem anhand des Aussehens auf mögliche Defizite in den Fähigkeiten und Sprachkenntnissen geschlossen wird? Oder aber will die Person nur ihr Bestes tun um mit einem in Kommunikation zu treten und sucht dazu lediglich nach einer gemeinsamen Kommunikationsbasis?

In der Tat ist der sprachliche Austausch eine der wichtigsten Grundlagen der menschlichen Kommunikation. Teilt man sich eine Sprache, so teilt man sich eine Basis, auf der eine interpersonelle Kommunikation und somit eine zwischenmenschliche Beziehung entstehen und gedeihen kann. Eine Gemeinsamkeit und vor allem eine gemeinsame Sprache zu finden ist dabei, als hätte sich die erste Brücke zum Gegenüber gefunden, über die viele weitere Brücken ausfindig gemacht oder aber erbaut werden können.

Derzeit haben es sich einige selbsterkorene Verfechter der deutschen Sprache zur Aufgabe erklärt, ihre Heimatsprache von etwaigen Fremdeinflüssen frei zu halten und sie an jeder Front zu verteidigen. Vor allem die Gefechtslinie in den nicht-deutschsprachigen Elternhäusern gilt es nun zu erobern und zu sichern, glaubt man einigen dieser ‚Linguistik-Patrioten‘.

Dabei finden sie sich inzwischen in einem globalen Kampf wieder. Zu Zeiten einer sich zunehmend globalisierenden Welt zeichnet sich schon eine weitere potenzielle Front zur Verteidigung der Landessprache ab: das zweisprachige Bildungssystem. Zweisprachige Kindergärten und Schulen erfreuen sich die letzten Jahre über immer größeren Zulauf. Manche Eltern versuchen unter Aufwand von viel Zeit und Geld ihren Kindern Plätze an mehrsprachigen Kindergärten und Schulen zu ermöglichen. Ziel ist es, den Kindern zusätzliche Kompetenzen mit auf den Weg zu geben und ihnen später einmal bessere Erfolgschancen u.a. auf dem Berufsmarkt zu ermöglichen. Die Kinder – so der wohl nicht abwegige Wunsch der Eltern – sollen es irgendwann einmal einfacher und besser haben.

Manchen ist dazu auch jedes Mittel recht. Und so werden einige Kinder unter krampfhaftem (Nach-)Druck in ein vielsprachiges System gedrängt. So auch zum Teil, wenn manche Eltern selbst eine der zwei Sprachen des Kindes gar nicht zu 100 Prozent beherrschen und/oder aber zu Hause nicht zu sprechen pflegen. [Kommt uns die ‚Problematik‘ nicht irgendwoher bekannt vor?] An einem solchen Leistungsdruck empört sich niemand. Wenn aber einem Kind von Elternhaus aus eine oder gar mehrere zusätzliche Sprachen in die Wiege mitgelegt werden können, und das ganz natürlich und zum Teil auf Muttersprachlerniveau, warum sollte man sich dann dagegen aussprechen?

Ein mögliches Argument könnte wohl sein, dass die Gehirnkapazität des noch so kleinen Menschen überfordert wäre und dass das Kind nicht in der Lage wäre („die eigentlich wichtigere Sprache“) Deutsch richtig zu erlernen. Dabei ist es inzwischen allgemein bekannt, dass Kinder bis zu einem Alter von fünf bis acht Jahren bis zu fünf Sprachen erlernen und diese anschließend fließend sprechen können. Dazu bedarf es lediglich der entsprechenden Förderung. Eine Förderung, die eigentlich in der Verantwortung des Staates liegt und die hierzulande oft unzureichend erfüllt wurde oder gänzlich gefehlt hat, wenn Kinder und Jugendliche Defizite in der deutschen Sprache aufwiesen.

Vielleicht wäre es daher eher an der Zeit Forderungen zu stellen, dass jedem Kind ab dem Alter von drei Jahren ein kostenloser Platz in einem Kindergarten bzw. einer Kita zu sichern ist, statt zu versuchen in den privaten Familienraum einzugreifen und Individualität und Sprachenvielfalt der Bürger kriminalisieren zu wollen. Zudem sollte sich die Politik allein angesichts der langfristigen wirtschaftlichen Vorteile bemühen Einrichtungen zu etablieren, die den mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen auch solide Kenntnisse ihrer anderen Muttersprache vermitteln und diese fördern.

Ein anderes potenzielles Argument wäre das Ziel, anhand der Sprache die Entstehung von Parallelgesellschaften verhindern zu wollen. Dabei müssten jedem noch so verblendeten Politiker spätesten nach den Ergebnissen der vergangenen Landtags- und Bundestagswahlen klar geworden sein, dass sich allmählich eine ganz andere, eine sehr hässlich braune Parallelgesellschaft abbildet. Diese warzenähnliche und an Gefahrenpotenzial nicht zu unterschätzende Parallelgesellschaft nährt sich vor allem aus der Mitte unserer Gesellschaft.

Dennoch scheinen ihre Märsche und Hetzaktionen bis hin zu ihren Anschlägen auf Moscheebauten, auf Korane und gar auf Einzelpersonen – Ereignisse, die gerade in Deutschland wachrütteln müssten – schlichtweg hingenommen zu werden. Über diese zunehmend erstarkende Parallelgesellschaft empört sich dagegen kaum ein ranghoher Politiker, und die Wenigsten leiten Wege ein um dem Unfug (rechtzeitig) Einhalt zu gebieten. Stattdessen hilft man den ‚patriotischen‘ Hetzern beim Zeichnen der Hassbilder und gibt ihnen sichtbar haltlose Argumente als Parolen zur Hand.

Zurück zu unserer ersten Begegnung mit der Person, die wohl nur zwischenmenschliche Brücken finden wollte: Auf die ersten Worte hin entgegnet die Person einem gerne einmal ganz verwundert, manch eine auch sichtbar erfreut: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ „Ja, neben Urdu, Punjabi, Englisch, Arabisch, Hindi und Französisch, spreche ich auch etwas Deutsch.“ Und als ob die Aufzählung nicht genügen würde – oder vielleicht liegt es auch an dem nun geweckten Interesse an dem Gegenüber – erwarten manche prompt ein klares Bekenntnis zu einer der Sprachen: „Und welche von diesen ist Ihre erste Sprache? In welcher Sprache denken und träumen Sie?

Nun, inzwischen habe ich auch auf diese Frage eine Antwort: Meine erste Sprache ist die Sprache der Freiheit, der Freiheit des Gewissens und der Freiheit zur persönlichen Entfaltung. Ich denke in der Sprache der Vielfalt, der Vielfalt der gesamtdeutschen Gesellschaft. Und ich träume von der Sprache des Miteinanders, des Miteinanders der Menschen und der Begegnung auf Augenhöhe.

Und an dieser Stelle will ich noch einmal (zurück) fragen: Sprechen Sie denn überhaupt meine Sprache?

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