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Höhen und Tiefen des Hasses

Atia Sadiq

Der Hass sitzt tief. Und seine Ausmaße erleben von Mal zu Mal ein neues Hoch. Der sogenannte „Westen“ ist gegenwärtig das Feld, in dem dich die Feindschaft gegenüber einer ganzen Religion, nämlich dem Islam, in einer besonders hässlichen Form austobt.

Das Spiel begann mit den Meinungsmachern. Denn was kann sich besser einprägen als Bilder, deren Zeichner im Stande sind Massenmeinungen zu prägen. Vorsätzlich trieben sie Hohn und Spott mit den heiligen Hoheiten der islamischen Glaubenslehre und somit mit den tiefsten Gefühlen all ihrer Anhänger. Aber im Mantel der Presse- und Meinungsfreiheit wurden alle Übergriffe auf die eigentlich an erster Stelle stehende Würde stillschweigend geduldet.

Zur Spitze trieben sie es dann, indem sie ihre Opfer als Gefahr für das Allgemeinwohl portraitierten. Hierzulande erlebten wir die kuriosesten Titelblätter, die die Verkaufszahlen der Magazine in die Höhe schießen lassen sollten und die jeden einzelnen Muslim als tickende Zeitbombe abtaten. Ebenso befremdlich und fragwürdig wirkten die Inhalte ihrer Zeitungen, die haltlose Thesen verwirrter Pseudowissenschaftler abdruckten und damit nichts anderes denn ein neues bedauernswertes Tief der journalistischen Arbeit verzeichnen ließen. Ihre Handlungsweise rechtfertigten sie stolz als Versuch der Umerziehung der vermeintlich rückständigen Religion und ihrer Anhänger hin zu den freiheitlich-demokratischen Werten, welche sie selbst mit ihren eigenen Füßen traten. Schließlich waren sie es, die einer ganzen Gruppe von Menschen ihre Minderheitenrechte untergruben und Stereotype und Ressentiments gegenüber jeglichem mit dieser Minderheit in Verbindung Stehendem verbreiteten.

Da dauerte es nicht lang, ehe die Saat erste Früchte zu tragen begann. Vereinzelt kam es zu Übergriffen auf einzelne Menschen, die von Einzeltätern bis hin zu organisierten Bandenschaften attackiert, manche sogar auf grausame Art umgebracht wurden. Aber nach wie vor schien die Berichterstattung das Geschehen zu verharmlosen oder aber sich darüber lächerlich zu machen. So fanden einige Journalisten für eine sechs Jahre währende Mordserie, bei der bis zu elf Menschenleben vorsätzlich frühzeitig beendet wurden, den fragwürdigen Titel „Döner-Morde“. Und auf diese Weise ging die Hetze weiter.

Da aber wie üblich die Reaktion der Politik und des Rechtsstaates nur dürftig ausfiel, fühlten sich die Hetzer und nun auch die Aufgehetzten nur bestätigt und das erschaffene Übel begann sich allmählich zu verselbstständigen.

Schon fielen dem Hass europaweit die ersten Gebetshäuser zu Opfer. Mal wurden sie mit Hassparolen beschmiert, mal mit Tierinnereinen bestückt und mal wurden Brandsätze gelegt. Doch auch hier nur spärliche Versuche hinsichtlich der Aufklärung der Taten. Nur allmählich kam der Begriff der ‚Fremdenfeindlichkeit‘ auf.

Diese Feindschaft aber schien nun derart tief gefestigt, dass Menschenmassen, die sich nie selbst mit den Anhängern der Religion persönlich auseinandergesetzt haben konnten – weil nämlich die Anzahl an Muslimen in ihren Wohnorten verschwindend niedrig ist – sie als größte Bedrohung für ihre „abendländliche“ Lebenskultur empfanden. Sie projizierten die Ursachen für ihr persönliches soziales, wirtschaftliches und jegliches anderes Leid auf eine vermeintlich drohende Islamisierung und organisierten allwöchentliche Märsche gegen eine solche. Doch ihre Ängste und ihren Hass nun in denselben Medien zu verurteilen und ihnen diesen übel zu nehmen, kommt nicht nur recht spät, sondern ist unreflektiert, wenn man die Ursachen, nämlich die ihr zugrundeliegende eigene Schuld dahinter verschweigt.

Gegenwärtig werden wieder einzelne Muslime Zielscheibe des zunehmenden Hasses, konkreter noch der zunehmenden ‚Islamfeindlichkeit‘. So kam es in den letzten Wochen zu vereinzelten Übergriffen auf einen muslimischen Mann in Mannheim und auf eine junge muslimische Studentin in Kaiserslautern. Dass man medial kaum etwas von den Geschehnissen erfahren hat, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass selbst die öffentliche Hinrichtung dreier junger Studenten in Chapel Hill in den USA medial tagelang unbeachtet blieb. Erst der Druck aus den sozialen Medien ließ dem Ereignis einige Sekunden der Nachrichtenberichterstattung zukommen. Dennoch, ein verstörendes Bild der Berichterstattung ließ es sicherlich zurück.

Fast ebenso verstörend schien ein Übergriff auf einen neunjährigen muslimischen Jungen, wie in der schwedischen Stadt Malmö geschehen. Ein Video aufgenommen durch einen Passanten zeigt, wie das Kind am Boden liegt und ein erwachsener dunkel gekleideter Sicherheitsbeamter auf ihn sitzend diesen am Aufstehen hindert. Der kleine Junge tut sich schwer mit dem Atmen, spricht aber dennoch im Protest lauthals die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis. Daraufhin drückt der Mann ihm das Gesicht seitlich zu Boden. Aber der Junge will nicht aufgeben. Er wehrt sich mit Armen und Beinen, versucht sich zu befreien. Doch der wesentlich größere Mann weiß ihn zu kontrollieren und knebelt ihn weiter. Plötzlich wird ihm die Wehr des Kleinen zu viel. Er hebt seinen Oberkörper für eine Sekunde an und schlägt ihn im selben Moment wieder auf den Boden. Ein dumpfes Geräusch und ein entsetztes Stöhnen der inzwischen zusammengekommenen Menschenmenge ertönt. Der Junge, so ergibt die spätere ärztliche Untersuchung, erlitt dabei eine Gehirnerschütterung.

Die Szene, die sich an einem Bahnhof der Stadt abspielt, kommt zu Stande, weil der Junge und sein zwölfjähriger Freund anscheinend beim Schwarzfahren erwischt und aus dem Zug abgesetzt wurden. Sie werden von zwei Sicherheitsbeamten einer privaten Firma, die mit der Überwachung des Bahnhofes beauftragt ist und deren Mitarbeiter in letzter Zeit des Öfteren für ihre harte Vorgehensweise aufgefallen sind, aufgegriffen. Dass sie mit ihrer Handlungsweise nun auch ein minderjähriges Kind misshandeln würden, scheint im Hinblick auf die allgegenwärtige Fremdenfeindlichkeit allerdings nur ein besonders trauriges von vielen Ereignissen, welche Schweden in letzter Zeit heimsuchten. Das sonst so liberale Land erlebt derzeit einen starken Anstieg an Islamophobie und hatte bereits zur Jahreswende hin innerhalb von acht Tagen drei Anschläge auf Moscheen zu beklagen. Beim Brandanschlag in Eskistuna wurden sogar bis zu fünf Menschen verletzt.

Allgemein steigt europaweit die Anzahl an Drohungen, sowie die Anzahl an tatsächlichen Übergriffen auf Muslime und auf alles, was mittelbar und unmittelbar mit ihnen in Verbindung steht. Dabei reden wir hier aber nur von den bekannten Fällen und somit nur von der Spitze des Eisberges. Denn nur die wenigsten Taten kommen öffentlich zur Sprache und werden noch seltener in den Medien abgebildet. Der latente Alltagsrassismus, der der größten Minderheit Europas entgegengebracht wird, fällt dabei nur zu oft unter den Tisch. Was bleibt, ist lediglich ein beklemmendes Gefühl, was die Rolle der Presse und Medien in diesem Spiel angeht, sowie die Frage, wo der Rechtsstaat nun endlich eingreifen muss.

Im heutigen Zeitalter sind wir alle zwangsweise auf gute journalistische Arbeit angewiesen. Sie ist nicht lediglich die vierte Gewalt in einer funktionierenden Demokratie. Vielmehr ist sie die Lampe, die Licht auf weltweite Ereignisse wirft, unsere Blicke und Aufmerksamkeit darauf lenkt und dahingehend schärft. Schließlich sehen wir immer nur, was, wie und wie viel uns durch die Medien gezeigt wird. So geht mit dieser Rolle der Medien auch eine gewisse Macht einher. Und wieder finden wir uns bei dem Ausgangspunkt der meinungsprägenden Eigenschaft der Medien wieder.

Aber auch gesetzsprechende Organe stehen in der Pflicht das inzwischen außer Kontrolle Geratene alsbald in Ketten zu legen, damit nicht noch mehr Menschen – seien es aufgrund des Hasses angegriffene Opfer oder aber durch den Hass ergriffene, verblendete Täter – Schaden daran nehmen. Dazu bedarf es klarer Zeichen der Anerkennung an die Öffentlichkeit, sowie der entsprechenden rechtlichen Schritte, die die bisherige ‚Fremdenfeindlichkeit‘ beim passenderen Namen, nämlich der ‚Islamfeindlichkeit‘ nennen, sie in der Strafverfolgung dem Antisemitismus gleichsetzen und entsprechend hart ahnden.

Es ist an der Zeit, dass Journalisten und große Presseagenturen sowie exekutive Politiker und Organe sich neben ihrer Macht auch zunehmend ihrer Verantwortung bewusst werden und dieser langfristig denkend gerecht werden, damit sie mit ihrem Handeln, ihrem bewussten nicht-Handeln oder aber ihrem etwaigen Fehlverhalten es nicht auf den Gipfel treiben und unsere Nationen und Völker damit nicht ins Unheil stürzen. Denn, wo die Gipfel hoch sind, sind die darauffolgenden Abgründe erwartungsgemäß entsprechend tief.

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