DIALOG.FÖRDERUNG.PARTIZIPATION.

Die Aber-Sagerei – Das Einstehen für Werte, die man ‚aber‘ im gleichen Satz widerruft

Jasmin Mazraani

Was mich am Westen am meisten beeindruckt, ist, was er nach der Verabschiedung der Kirche und ihrer Macht, damit aber auch einhergehend der ganzen Religion, an Gedanken, an Gesetzen, an Idealen, an Fortschritt erreicht hat, ohne oder mit wenig Bezug zur Religion. Zweifellos ist Religion ein Baustein der heutigen westlichen Kultur, jedoch hat sie ihren Zauber bzw. Geist verloren, wie Max Weber sagt. Die Menschen hier haben umfassende Systeme des Rechts, Normen, Verwaltung und Wirtschaft geschaffen und erhabene Wissenschaftsmethoden. Man könnte meinen, sie haben den Gipfel der Zivilisation
erklommen. Menschen aus dem Westen wissen aber auch, welche Stellung sie durch das Streben ihrer Vorväter in der Welt haben. Sie ist hoch, sehr hoch, und das muss gewahrt werden vor jeglichen Einflüssen, die das in irgendeiner Weise
gefährden könnten.

Nicht anders kann ich mir erklären, warum in diesem hochzivilisatorischen Europa Menschen auf die Straße gegen andere Menschen (vor-)gehen, die wohl den schlechtesten Stand in dieser Gesellschaft haben. Gerade ihr Schicksal, der sie in diesen schlechten Stand geführt hat, wird als Argument angeführt, warum sie ja wegbleiben sollen. Da aber die „patriotischen“ Europäer doch schon wissen, für was ihre Vorväter gekämpft haben, nämlich für Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung und Gleichheit der Menschen, muss das nun irgendwie in ihre Aversion rein passen. Meist läuft das dann so ab: „Ich habe nichts gegen Ausländer/Flüchtlinge/Muslime/Migranten, aber….“

Und dann werden Moscheen und Asylbewerberheime angezündet und beschädigt, und der Böse ist der Flüchtling bzw. Ausländer. Der konkret Bedrohte ist zugleich die Bedrohung. Die Aber-Sager, die ja eigentlich nichts gegen andere haben, ‚aber‘ dann doch etwas finden, worin sie ihre Ablehnung kundtun können, erhalten sich damit ein gutes Gewissen in Bezug auf die schönen Werte, und lehnen sie aber für andere Menschengruppen ab. Bei den vielen grausigen Geschichten der Unmenschlichkeit, die uns jeden Tag zu Ohren kommen, ist es jedes Mal wieder verwunderlich, mit welchen Argumenten sie ihre „Aber-ie“ bestücken. Seien wir ehrlich: Eine Gesellschaft, die sich durch die bloße Anwesenheit einer Gruppe in ihrer Existenz bedroht sieht, hat ein schwaches und paranoides Selbstbild. Hochnäsig stellen sie sich vor die kleine Gruppe und wollen ihre Werte und ihren hart erarbeiteten Reichtum verteidigen, dabei merken sie nicht, dass sie nur ihre Angst und ihre Unterlegenheit auf diese Minderheiten projizieren und dagegen ankämpfen.

Interessant ist es auch, dass sie ihre Werte und ihr Gut immer vor jenen beschützen wollen, dessen Vorfahren von ihren Vorvätern in irgendeiner Weise unterdrückt oder kolonisiert wurden. Alle Menschen scheinen aus den ehemaligen Kolonien nach Europa zu kommen und zu flüchten, und wollen nun die gleichen Lorbeeren essen, die die Kolonialmeister aus der „Zeit ihrer Überlegenheit“ gepflückt haben. Als hätten die heutigen „patriotischen Europäer“, die unter Paranoia und einem geringen Selbstbewusstsein leiden, irgendwas von dieser Überlegenheit gehabt, stören sie sich nun daran, dass so viele Ausländer Hartz IV beziehen, die Arbeit wegnehmen, die Sozialkassen in Anspruch nehmen, studieren gehen, hohe Positionen besetzen, oder einfach den europäischen Komfort genießen wollen, der eigentlich nur durch ihre Vorväter diesen Stand erreichte. Das ist wirklich interessant, denn wen stören schon die Chinesen und Japaner, die kaum ein Wort Deutsch können, und die mit ihrer abstrakten Sprache und anderem Aussehen die Unis und Straßen begehen, oder wenn sie wie in Düsseldorf ganze Stadtteile besetzen mit Restaurants, eigenen Supermärkten, eigenen Schulen etc.?

Wo sind hier die Aber-Sager mit ihren Argumenten der Parallelgesellschaft, Entfremdung deutscher Kultur und dem Verlust der deutschen Sprache?

Aber darum geht es alles gar nicht, es geht hier eigentlich um ein viel gravierenden Verlust. Dass wir wieder Menschen klassifizieren, und sie abwerten, sie so modellieren, als wären sie böse Raubtiere, als wären wir Wahrer heiliger Stätten, als wären wir etwas Besseres, als wäre unsere Existenz bedroht, anstatt unsere Existenz mit ihnen zu teilen. Der Mensch ist eines Verlustes leidig, und zwar sein Sinn für die Menschen. Der Mensch hat enorme Fortschritt in Technologie, Kommunikation, Wohlstand geschlagen, aber sein Sinn für Empathie und Verständnis hat sich zwischen Leistungsprinzip und I-phone* verloren. Menschen flüchten, weil sie grausames erlebt haben. Sie geben ihre Heimat auf, ihr ganzes Hab und Gut, nur um sicher zu sein. Also um ein ganz menschliches Bedürfnis zu befriedigen. Dafür kommen viele auf dem illegalen Weg mit Schleppern nach Europa. Anstatt den Menschen die Flucht zu erleichtern, werden die Schlepper bekämpft und ihre Boote zerstört. Was ist das für ein Zeichen?

Und wenn die Flüchtlinge es doch schaffen, hier hin zu kommen, sehen sie sogenannte patriotische Europäer, die sie ablehnen. Was ist das für ein Zeichen?

„Wer die Opfer nicht schreien hören, nicht zucken sehen kann, dem es aber, sobald er außer Seh- und Hörweite ist, gleichgültig ist, daß es schreit und zuckt – der hat wohl Nerven, aber – Herz hat er nicht.“ Bertha von Suttner (1843 – 1914)

*Apple: eine Firma, die Selbstbezogenheit (I=Ich) zu ihrer Marke gemacht hat

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