„Extremistische Jugendbanden sind eine Gefahr, besonders in kleineren städtischen Gegenden… Bandenmitglieder sind dafür bekannt geworden, Personen zu belästigen oder zu attackieren aufgrund ihrer Rasse und ihrem ausländischem Aussehen. Brandanschläge auf parkende Autos hat es gegeben… Demonstrationen finden statt und bergen das Potential, plötzlich in gewalttätige Auseinandersetzungen auszuarten. Vermeiden Sie alle Demonstrationen und größere Versammlungen….“[1]
Dies ist keine Berichterstattung über einen Tag in Afghanistan, Pakistan oder ähnlichen krisenvollen Ländern, sondern ist eine Reisewarnung der kanadischen Regierung für Ostdeutschland. Wie es sein kann, dass in einem demokratischen, aufgeklärten und zivilisierten Land wie Deutschland solche Zustände herrschen, ist weniger Inhalt der Empörung seitens deutscher CDU-Politiker, sondern dass Kanada überhaupt so eine „rufschädigende“ und irreale „Beurteilung“[2] rausgeben kann.Es ist dennoch empörend, dass solche Ereignisse wirklich stattfinden, und die Brandanschläge und Auseinandersetzungen nicht nur versehentlich waren. Wie kann es sein, dass eine Demokratie sowas vorbringt, die ja ihre Daseinsberechtigung gerade auch aus der Zivilisiertheit der Völker entnimmt? Oder?Bereits der griechische politische Philosoph Aristoteles hat zur seiner Zeit die Demokratie als entartete Herrschaftsform bezeichnet, da sie zwar theoretisch alle an der Macht teilhaben lässt, dies jedoch nur dem Wohl des mehrheitlichen Teils gereicht, das heißt, die Meinung und das Wohl der Minderheiten interessieren wenig. Und häufig ist die Mehrheit das einfache Volk, was für Aristoteles ein weiterer Grund war, die Demokratie in dieser Hinsicht als schlechte Herrschaftsform zu bestimmen.Denn in dieser Form läuft sie Gefahr, eine Ochlokratie zu werden, also eine Herrschaft des Pöbels. Mit Pöbel ist oft das einfache Volk gemeint; der Duden definiert sie als „ungebildete, unkultivierte, in der Masse gewaltbereite Menschen“[3].
Abgesehen davon, dass die (direkte) Demokratie in dieser Größenordnung, wie wir sie heute in den meisten Ländern haben, praktisch kaum umsetzbar ist, besteht die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht aus ungebildeten, unkultivierten, in der Masse gewaltbereiten Menschen. Aber solche Menschen gibt es hier leider auch und sie machen viel der heutigen Politik aus.Ihre Unkultiviertheit speist sich an ihrer Ungebildetheit und daraus entsteht ihre Gewaltbereitschaft. Denn ohne darüber im Bilde zu sein, vor was sie eigentlich Angst haben, äußern sie Überzeugungen, die genauso zusammenhangslos sind. Diese scheinbar hohle Überzeugung ist aber ein sehr effektiver Brennstoff, der sie zu ihrer Gewaltbereitschaft leitet.

In der Feindbildforschung werden der Hass und die Gewalt, welche gegen den Feind angewendet werden, auch oft als Projektion des eigenen hässlichen Ichs auf den Feind verstanden. Umso besorgniserregender ist der Ruf „Wir sind das Volk“ und dies in zweierlei Hinsicht. Wenn Demokratie die Herrschaft des Volkes ist, dann ist eine Herrschaft unter solchen Leuten, deren Überzeugung auf die Ablehnung anderer gründet, keine Demokratie im allgemeinverständlichen Sinne mehr, die Geschichte hat uns das vernichtend gelehrt. Des Weiteren ist der Hilferuf, der ja signalisieren soll, dass sie vernachlässigt sind, so dermaßen allgemein formuliert, als würden alle Deutsche ihre Sorgen tragen, genauso wie die Flüchtlinge und Asylbewerber, die weniger als 1 % der deutschen Bevölkerung ausmachen, für diese 99 % bedrohlich sind.

Aber ich möchte nicht alle in einen Topf schmeißen, es gibt auch gute Wutbürger, die nur Angst vor der momentanen ungewissen Lage haben, die sie einfach nicht einschätzen können, und sie nun gegen die Schwächsten im Land richten, um einen Schuldigen zu finden. Aber trotzdem, so sehr ich versuche, es irgendwie nachzuvollziehen, komme ich immer wieder zur Feststellung, dass dies von einem sehr geringen Selbstbewusstsein und einer Unwissenheit über die Lage zeugt. Solch ein Verhalten ist einfach nur kindisch. Das Kind, wenn es verärgert wurde, ist aus Prinzip trotzig, und will mit dem Nachbarsjungen auch wenn er mit ihm die
schönsten Momente seiner Kindheit erleben kann, nicht spielen. Das Kind ist sauer, von was auch immer, und deswegen trotzt es allem und jedem. Das Ergebnis seiner Rebellion wird nicht sein, dass er mal versucht, den Jungen kennenzulernen, oder dass er ihm wenigstens irgendwann mal egal sein wird, denn er wird auch nach dem Verschwinden des Jungens sauer und trotzig sein. Aber zurzeit ist er die Schlagpuppe, die nach jedem Schlag aufzustehen hat.

Aber bis diese besorgten Bürger nicht verstehen, dass das Problem nicht der Muslim, nicht der Flüchtling oder der Migrant ist, solange werden diese Minderheiten die Schlagpuppen bleiben, die immer wieder aufkommen werden.

Von daher ist es glücklicherweise so, dass Ihr nicht das Volk seid, dass Euer Dasein nicht die Demokratie in Deutschland repräsentiert, und dass Euer gekrakeltes undurchschaubares Bild von der Welt von den gebildeten, kultivierten und der Gewalt ablehnenden Mehrheit verlacht wird. Denn wenn Demokratie auch bedeutet, dass Bürger zu Ungunsten und Schaden anderer Mitmenschen ihr geistiges und aber auch materielles Brandmaterial verschütten dürfen, dann wird sich diese Demokratie vernichtend verbrennen.

„Die Demokratie ist keine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern der Sittlichkeit.“ Willy Brandt

[1] http://travel.gc.ca/destinations/germany

[2] Zitiert zu:
http://www.handelsblatt.com/politik/international/pegida-und-fluechtlingsandrang-kanada-warnt-vor-reisen-nach-ostdeutschland/12388274.html

[3]
http://www.duden.de/rechtschreibung/Poebel